Nachhaltige Stromtarife: Undurchsichtige Suche im Netz

Das Geschäft der Vergleichsportale

Wer grünen Strom nutzen will, dem wird es – zumindest in der Theorie – ziemlich leicht gemacht. Vergleichsportale im Internet gibt es reichlich. Man ruft sie auf, wählt bei der Anbietersuche Optionen wie „Alle Ökotarife anzeigen“ aus und startet die Suche nach nachhaltigen Stromtarifen. Schon erhält man eine Aufstellung mehrerer Anbieter, die sich zugleich dann nach Kriterien wie Preis oder Kundenbewertungen sortieren lassen. Nach der Wahl des passenden Ökostromanbieters führen viele Vergleichsportale anschließend ihre Nutzer durch die Wechselmodalitäten.

So könnte man ganz schnell einen Stromanbieter für das gute Gewissen finden. Doch stutzig werden viele Portalnutzer, wenn ganz oben auf den Listen nach einer Suche mit Begriffen wie „Nachhaltige Stromtarife“ Anbieter wie Vattenfall oder Eon mit ihren Ökostromtarifen genannt werden. Denn dass nicht unbedingt nachhaltiger Ökostrom überall darin steckt, wo dieses Label im Marketing genutzt wird, wissen mittlerweile viele Verbraucher. Das kann einen bei einer ernsthaften Suche schnell in die Verzweiflung treiben.

Online-Phänomen Intransparenz

Manche Internetnutzer kennen ähnliche Phänomene von Suchmaschinenrecherchen oder dem Einkauf über große e-Commerce-Seiten. Über und oft auch neben den Ergebnissen, nach denen man eigentlich gesucht hat, locken Werbeeinblendungen, die häufig nicht so einfach als solche zu erkennen sind: Farblich leicht anders gekennzeichnete Links auf Produktwerbeseiten, etwa Produkttipps einer Eigenmarke eines großen Handelsportals. Häufig auch speziell hervorgehobene Stromtarife, die nicht genau zu dem passen, was man eigentlich gesucht hat.

Bei den Stromvergleichsportalen wird da beispielsweise gerne ein nicht besonders grüner Stromtarif von Vattenfall als Vergleichstarif über den eigentlichen Suchergebnissen eingeblendet – oft attraktiv farblich hinterlegt. Über dem günstigsten Tarif stehen etwa bei Verivox, Preisvergleich und Check24 die sogenannten „Null-Platzierungen“.

Oben steht nicht immer der beste Tarif

Ist so ein Stromtarif nachhaltig? Vermutlich nicht. Dafür ist klar: Diese Tarife sind oft von den Vergleichsportalen beworben und teurer als der eigentlich Erstplatzierte. Wenn es um das Thema nachhaltigen Ökostrom geht, ist der oben platzierte Tarif möglicherweise sogar günstiger als der erste angezeigte Tarif aus dem Vergleichsberechnung. Aber der Strommix beispielsweise ist so gestrickt, dass ein Kriterium wie „garantiert nachhaltig“ oder „fossilfrei erzeugt“ bei dem attraktiv eingeblendeten Tarif nicht erfüllt wird.

Dass Vergleichsportale den Recherchierenden bei der Suche nach nachhaltigem Ökostrom einiges abverlangen, ist kein Zufall, sondern gehört zu den Geschäftslogik vieler Vergleichsportalbetreiber.

Im November 2021 hat die Stiftung Warentest 46 Vergleichsportale für Strom- und Gastarife genauer angesehen. Es wurde geprüft, wie verbraucherfreundlich Vergleichsrechner sind. Bieten sie alle wichtigen Suchfilter? Stellen sie ihre Ergebnisse transparent genug dar? 

Vergleichsportale: Bestenfalls befriedigend

Acht Portale kamen in den Test, die Ergebnisse waren ernüchternd. Das beste Qualitätsurteil war ein ­Befriedigend für Verivox und Check24. Die anderen Portale schnitten noch schlechter ab. „Es mangelt vor allem an wichtigen Tarifinformationen und Transparenz“, lautet das Fazit der Tester.

Ein Grund: Die meisten Vergleichsportale wie Check24 oder Verivox rechnen Neukunden-, Wechsel- oder Sofortboni in der Regel standardmäßig in ihr Preisranking mit ein. Ob sich ein Wechsel langfristig lohnt, ist so nicht zu ermitteln. Wer wissen will, wie sich der Preisvergleich ohne Boni ab dem zweiten Vertragsjahr darstellt, der muss erst die voreingestellten Suchfilter bearbeiten.

Eigene Recherche bei der Suche nach nachhaltigen Stromtarifen ist gefragt

Wer also wirklich grünen Ökostrom sucht, muss die angezeigten Ergebnisse aus den Vergleichsportalen sorgfältig unter die Lupe nehmen.

Zwar vergleichen die Portale die Angebote der Versorger in dem Sinne neutral, dass ihre Rechner nicht Tarife unterschiedlich berechnen. Warum aber präsentieren die Vergleichsportale nicht auch die Ergebnisse ohne künstliche Gewichtung und irreführende Einblendungen?

Natürlich geht es hier um’s Geld. Die meisten Vergleichsrechner erhalten pro vermittelten Vertrag eine Provision vom Energieversorger. Das ist ein gutes Geschäft: Der Bund der Energieverbraucher ging in der Vergangenheit davon aus, dass diese Provision 40 bis 100 Euro pro Vertrag beträgt. Zusammen mit den Einnahmen aus anderen Vergleichsrechnern kommt da einiges zusammen: 2017 verbuchte Verivox beispielsweise 131,8 Millionen Euro Jahresumsatz.

Provision schlägt Verbraucherinformation

Diese Provisionen sind eine wichtige Einnahmequelle für die meisten Vergleichsportale. „Deshalb erscheinen nach Eingabe von Postleitzahl und Verbrauch bei fast allen Portalen zunächst nur Angebote, bei deren Vermittlung eine Provision fließt“, schreibt die Stiftung Warentest. Die Frage ist dagegen für die Anbieter nicht: „Bietet dieser Anbieter einen nachhaltigen Stromtarif?“

Zudem listet nicht jedes Vergleichsportal vollständig alle möglichen Anbieter auf. Oft ist dafür der Grund, dass mit einem Anbieter keine Provisionsvereinbarung abgeschlossen wurde. Mitunter ist die Auswahl sogar so eingeschränkt, dass die Verbraucherzentralen gegen bestimmte Vergleichsmodelle erfolgreich klagen.

Kein neues Thema

Neu ist das Thema nicht. Schon 2013 berichtete beispielsweise die Westfälischen Nachrichten bei der Vorstellung von Studienergebnissen des Deutschen Instituts für Service-Qualität über „die Schwächen vieler Anbieter besonders im Bereich Sicherheit und Transparenz. Um im Ergebnis auch wirklich die günstigsten Tarife angezeigt zu bekommen, mussten viele Nutzer ihre Suchergebnisse und Filteroptionen eigenverantwortlich einschränken. Tat man dies nicht, wurden zum Teil kundenunfreundliche Tarife aufgelistet, die beispielsweise mit einem Angebot per Vorauskasse werben.“

Zwar haben viele Vergleichsportale sich in mancher Hinsicht weiterentwickelt und agieren Verbraucher-freundlicher als in der Vergangenheit. Einige schützen beispielsweise anders als in der Vergangenheit Portalbesucher vor unseriösen Anbietern, indem sie beispielsweise insolvente Versorger von vorneherein aussortieren.

Ob man das Gros der Vergleichsportale als unbestechliche, neutrale Mittler betrachten sollte, die immer das Interesse der Nutzer vor die Möglichkeit stellen, vielleicht doch eine Provision zu verdienen, ist allerdings nach wie vor fraglich.

Die Ökostrom-Tarifsuche bleibt aufwendig

Wer einen nachhaltigen Ökostrom-Tarif sucht, sollte also auf jeden Fall mehr als ein Vergleichsportal zu Rate ziehen. Auch dann kann es allerdings passieren, dass die Ergebnisse komplett identisch sind. Die Branchenriesen Verivox und Check24 haben ihre Rechner auch in vielen Partnerseiten eingebaut, bei denen nicht immer sofort zu erkennen ist, welcher Rechner die Vergleichsseite antreibt.

Bei der Webseite Finanztip ist mit einem Texthinweis unter dem Stromrechner auf der Seite vorbildlich transparent gekennzeichnet, dass Check24 und Verivox hier die Daten liefern.

Auf anderen Vergleichsseiten sind diese Hinweise sehr viel schwieriger zu erkennen. Tauchen auffällig gleiche Ergebnisse bei unterschiedlichen Recherchen auf, ist dies häufig der Grund dafür. Dann hilft es nur, zu einem weiteren Vergleichsportal, dem ein anderer Rechner zugrunde liegt, weiter zu surfen.

Eine Alternative dazu ist es, Tarifsuchen zu nutzen, die garantiert nur wirklich grüne Tarife in die Vergleiche einbeziehen und nicht gewinnorientiert arbeiten.  Ein Beispiel dafür ist der gemeinnützige Ökostrom-Finder wirklich-gruen.de. Hier findet man keine irreführenden Ergebnisse, wenn die Suchkriterien „Nachhaltig Stromtarif” lauten.

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